Menschen im Augustinum

Engagement und Verantwortung

9. Dezember 2011

Sein neues Buch „Wie wollen wir leben?“, Gespräche mit Sandra Maischberger über das, „was unser Land in Zukunft zusammenhält“, ist der Anlass für einen Besuch bei Hans-Jochen Vogel im Augustinum München-Neufriedenheim, für eine Annäherung an einen Politik

Hans-Jochen Vogel war 12 Jahre Oberbürgermeister der Stadt München, er war Bundesminister für Raumordnung und Städtebau und Bundesjustizminister, Regierender Bürgermeister von Berlin und Vorsitzender der SPD und auch ihrer Bundestagsfraktion. Zeitlebens hat er sich für das Gemeinwesen eingesetzt.

Wie sieht dieses Engagement jetzt, im Ruhestand, aus? Am Vortag unseres Gesprächs, dem 9. November, so erzählt Vogel, war er bei einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht, bei der die Namen derer verlesen wurden, die aufgrund ihres jüdischen Glaubens vor 70 Jahren nach Kaunas deportiert wurden. Sein Engagement, das spürt man im Gespräch sofort, ist ungebrochen, „auch wenn es ein wenig reduziert ist, weil der Köper, der jahrzehntelang ein williger Diener gewesen ist, heute Grenzen setzt, die auch enger werden.“ Aber immer noch setzt sich Vogel in zahlreichen Vereinen und Gremien ein: als Mitglied, beratend, als ehemaliger oder stellvertretender Vorsitzender.   

An vorderer Stelle steht für ihn heute der Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“, der die Namenslesung zum 9. November veranstaltet hat. Vogel hat den Verein 1993 vor dem Hintergrund rassistischer und fremdenfeindlicher Ausschreitungen mit ins Leben gerufen. „Wir sagten uns, da können wir nicht nur an den Staat appellieren, da müssen wir selbst etwas tun“, erinnert sich Vogel in seinem Buch. Mit Veranstaltungen und Projekten will der Verein die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen und an das Unrecht der SED-Diktatur wach halten, es geht ihm um die Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements und politischer Teilhabe sowie um die Auseinandersetzung mit politischem Extremismus.

Da sind Menschen wie Hans-Jochen Vogel wichtig, denn: „Meine Generation kann aus eigenem Erleben von Ereignissen berichten, die sehr weit zurückliegen, vor allem über das NS-Gewaltregime, das für die heutige Generation ja fast so weit entfernt ist wie die punischen Kriege. Man muss immer wieder darauf aufmerksam machen, dass unser heutiges Leben in einer freiheitlichen Demokratie mit Blick auf unsere Vergangenheit nicht selbstverständlich ist.“ Eng damit verbunden ist seine Arbeit im Kuratorium des geplanten NS-Dokumentationszentrums in München, das die Erinnerung an die NS-Zeit in der Stadt verorten und als Lernort bewusst machen will, dass Demokratie und Toleranz immer wieder neu gesichert werden müssen: beratend, erinnernd und um Kommunikation und Ausgleich bemüht.

Das alles, und es ließe sich gewiss noch mehr aufzählen, ist nicht gerade wenig für einen 85-Jährigen. Telefonate, Vorträge, Publikationen, Kontakte zu Verantwortlichen in verschiedenen Bereichen sind auch heute ein wesentlicher Teil seines Tagesablaufs. Was treibt Hans-Jochen Vogel immer noch an, sich zu engagieren? Die Antwort ist schnell gefunden: ein tief verankertes Gefühl der Mitverantwortung für das Gemeinwesen. „Wir müssen etwas für das Gemeinwesen tun, damit wir wieder auf die Beine kommen“. Das war nach dem Krieg der Grund für sein politisches Engagement. Und dieses Verantwortungsbewusstsein ist bis heute spürbar. Hans-Jochen Vogel geht es nicht um das Amt an sich, deshalb winkt er auch auf die Frage, ob ihn das Amt des Stiftsbeirats im Augustinum reizen könne, schnell ab. Aber natürlich, und auch hier zeigen sich sofort Engagement und Verpflichtung, gehen er und seine Frau zur Beiratswahl.

Neben diesem Verantwortungsgefühl ist es die – bei aller kritischen Auseinandersetzung – grundsätzlich erst einmal optimistische und positive Einstellung den Dingen gegenüber, die sich im Gespräch immer wieder zeigt. Bei den großen Dingen, etwa in Hinblick auf eine Lösung der Finanzkrise, bei den Veränderungen in der arabischen Welt oder beim Thema Integration, und eben auch im Kleinen: „Bei der gelegentlichen Diskussion unserer täglichen Tischgemeinschaft im Augustinum, darüber, ob die Soßen richtig gewürzt sind, sprechen sich meine Frau und ich im Zweifel für die positivere Seite aus.“ In seinem Buch sagt Vogel: „Ich bin eben ein merkwürdiger Mensch, ich freue mich über gute Veränderungen und erwähne sie auch.“

Hans-Jochen Vogel, Sandra Maischberger, „Wie wollen wir leben? Was unser Land in Zukunft zusammenhält“, Siedler 2011, 256 Seiten, 19,99 Euro.