Ratgeber Betreutes Wohnen

Die eigene Immobilie – Altersfalle statt Alterssicherung?

4. Januar 2011,
Altersfalle-Immobilie

Das eigene Haus kann im Alter zur Belastung werden: Rechtzeitige Planung und realistische Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen im Alter sind daher ratsam.

Schuldenfreier Immobilienbesitz gilt als wichtiger Baustein für die Altersvorsorge und vor allem für das sorgenfreie Wohnen im Alter. In der Realität zeigt sich jedoch, dass diese Rechnung nicht immer aufgeht. Mit dem Nachlassen der körperlichen Kräfte kann ein Haus oder eine Wohnung schnell zur „Altersfalle“ werden, sei es, dass die Bewirtschaftung zu anstrengend wird oder die Infrastruktur der Umgebung bei eingeschränkter Mobilität nicht mehr ausreicht.

150 Quadratmeter sind schwer zu bewirtschaften

Diese Gedanken bewegten auch das Ehepaar Dierkes (Name geändert). Vierzig Jahre hat der Elektroningenieur mit seiner Familie auf liebevoll eingerichteten 150 Quadratmetern Wohnfläche in einer Kreisstadt gelebt, bevor sie sich entschlossen, in eine Seniorensresidenz zu ziehen. Den Blick von ihrem Grundstück über das idyllische Tal haben er und seine Frau noch immer vor ihrem geistigen Auge. „Ich habe manche Träne vergossen, als wir uns zu dem Verkauf entschlossen hatten“, berichtet die 75 Jahre alte Gisela Dierkes. Dennoch traf das Ehepaar gemeinsam und in Absprache mit den beiden Söhnen die Vernunftentscheidung, die Immobilie zu verkaufen.

Was passiert, wenn einer alleine zurückbleibt?

„Auch wenn es uns schwer fiel, mussten wir dabei die Gefühle ausblenden und realistisch erkennen, dass unser Haus für das Leben im Alter nicht geeignet war“, beschreibt der heute 77 Jahre alte Günter Dierkes die damalige Situation. „Vor allem belastete uns die Frage, was passiert, wenn einer von uns allein zurückbleibt“, fährt er fort. Bei eingeschränkter Mobilität werde so ein Haus schnell zur Last. Auf keinen Fall wollten die beiden einmal gezwungen sein, unter Druck eine so wichtige Lebensentscheidung wie einen Umzug treffen zu müssen.

Gefangen in der eigenen Immobilie

Hinzu kommt, dass in manchen Regionen Deutschlands die Wohnimmobilienpreise stark unter Druck geraten sind. Dieser Wertverlust macht vor allem jenen Menschen zu schaffen, die mit dem Erlös aus dem Verkauf ihrer Immobilie die eigene Rente aufbessern wollten. Zum Teil sind sie bereits jetzt in ihren Immobilien „gefangen“, weil sie keinen Käufer finden oder nicht den gewünschten Preis erzielen können. Die Folgen sind vereinsamte, mit ihrem Immobilienbesitz überforderte oder auch in wirtschaftliche Bedrängnis geratene ältere Menschen.

Sich Zeit nehmen für den Hausverkauf

Um das zu vermeiden, helfen nur die rechtzeitige Auseinandersetzung mit der eigenen Wohnsituation und klare Vorstellungen darüber, wie und wo man sein Alter verbringen möchte. Was so einfach klingt, ist in Wirklichkeit ein langwieriger und oft auch schmerzhafter Entscheidungsprozess, den viele Menschen scheuen. Die meisten handeln erst, wenn sie in Bedrängnis geraten. Doch das kann nicht nur auf Kosten der Lebensqualität gehen, sondern auch wirtschaftliche Nachteile haben. Ein unter Zeitdruck getätigter Immobilienverkauf ist für den Verkäufer meistens unvorteilhaft.

Das Ehepaar Dierkes lebt nun seit knapp einem Jahr im Augustinum Kleinmachnow. „Wenn man weiß, was man will, kann man es auch umsetzen“, betont Günter Dierkes. Dennoch war der Weg aus dem selbst entworfenen und gebauten Einfamilienhaus mühsam und steinig. „Wir hatten zwei turbulente Jahre, waren uns aber von Anfang an einig, dass wir uns für diese wichtige Entscheidung ausreichend Zeit nehmen und uns nicht unter Druck setzen wollten“, beschreibt Günter Dierkes seine Erfahrungen.

Geeignete Wohnformen für das Alter finden

Bevor es um den Immobilien-Verkauf selbst geht, sollten sich ältere Hausbesitzer die Frage nach der eigenen Lebensplanung stellen. Auch Dierkes hatten sich zunächst mit den verschiedenen Wohn-Alternativen beschäftigt. Ziel war es, in die Nähe des einen Sohnes nach Berlin zu ziehen. „Zuerst haben wir überlegt, uns zu verkleinern und eine Eigentumswohnung zu erwerben. Doch dann hätten wir irgendwann wieder umziehen müssen, weil die Betreuung nicht gewährleistet gewesen wäre“, erläutert Günter Dierkes.

Käufer waren nicht leicht zu finden

Erst nachdem der Entschluss zum Umzug in eine Seniorenresidenz feststand, sprach das Ehepaar mit der Hausbank über den Verkauf ihrer Immobilie. Hier war man sehr skeptisch, ob überhaupt ein Käufer gefunden werden könnte, zumal das Haus vollständig möbliert verkauft werden sollte. Doch die Versuche, das Haus in Eigenregie an den Mann zu bringen, schlugen alle fehl. Inzwischen hatten sie den Kontakt zum Augustinum intensiviert, zur Probe gewohnt und bereits ein konkretes Angebot für ein Appartement erhalten. Doch ohne Käufer konnten sie den Umzug noch nicht angehen. Die Zeit drängte.

Dass ein Immobilienmakler innerhalb kurzer Zeit tatsächlich mehrere ernsthafte Interessenten für ihr Haus fand und sogar eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern, die genau so ein Haus gesucht hatte, verwundert die beiden bis heute. Plötzlich ging alles ganz schnell. „Wir mussten beim Verkaufspreis zwar Zugeständnisse machen“, so Günter Dierkes, „aber aus heutiger Sicht war es absolut richtig, flexibel auf ein ernsthaftes Angebot zu reagieren.“

Gut eingelebt im Augustinum

Inzwischen haben sie sich in ihrem neuen Leben gut eingerichtet. „Die Nachbarn passen sehr gut zueinander, und wir sind alle in einer ähnlichen Situation. Das verbindet“, so Günter Dierkes. Bei Nachbarn und Bekannten am alten Wohnort sind sie anfangs nur auf Unverständnis gestoßen. „Inzwischen sehen es manche anders.“ Was sich wenige vorstellen können, sich für das Alter ganz bewusst eine neue Umgebung auszusuchen, empfinden die Dierkes als besonders hilfreich für einen Neuanfang. „Es ist gut, dass wir weit weg gezogen sind, weil ich sonst bestimmt einmal in der Woche bei unserem Haus vorbei gefahren wäre“, meint Gisela Dierkes. Nun wollen sie aus Berlin ihre neue Heimatstadt machen, genießen das umfangreiche kulturelle Freizeitprogramm, fahren in das Umland und erkunden ihre neue Heimat.

Entspannt zurücklehnen im neuen Zuhause

„Wir hatten zwar klare Vorstellungen darüber, wo und wie wir leben wollten, aber wir waren auch flexibel genug, uns den Umständen anzupassen, wo das nötig war“, beschreibt Günter Dierkes das Erfolgsrezept. Wichtig sei es, in Ruhe Einigkeit über den gemeinsamen Weg herzustellen und dann die Entscheidung konsequent in die Tat umzusetzen. „Das bedeutet auch die eine oder andere schlaflose Nacht.“ Der Aufwand hat sich für die beiden gelohnt. „Heute wissen wir, dass wir uns über unser Wohnen nie wieder Gedanken machen müssen.“

Sich Hilfe von Fachleuten holen

Es gibt sicher nicht die eine richtige Antwort, wenn es um die Frage nach dem richtigen Umgang mit Immobilienbesitz und der richtigen Wohnsituation im Alter geht. Wohnbedürfnisse sind etwas sehr Individuelles und Persönliches. Dennoch gibt es ein paar Stolpersteine, die alle betreffen und die sich umgehen lassen, wenn man sie rechtzeitig erkennt. Dazu gehört, sich über den Immobilienmarkt ebenso wie über alternative Wohnangebote zu informieren. Falsche Scheu, sich an Fachleute zu wenden, ist hier ein schlechter Ratgeber. Und nicht immer wird ein Immobiliengeschäft durch eingesparte Honorare günstiger.

Insgesamt ist es von großer Bedeutung, sich zeitlich nicht unter Druck setzen zu lassen. Das sollte jedoch nicht dazu führen, dass man die Dinge laufen lässt. Es ist wichtig, sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Verdrängen führt zu keinem Ergebnis, ebenso wenig wie Handeln aus Panik. Verpasste Chancen hingegen können noch lange weh tun.

Weitere Informationen

Die Autorin dieses Beitrags, Christiane Harriehausen, hat den Ratgeber „Altersfalle Immobilie?“ geschrieben, der im FAZ-Buchverlag erschienen ist. Eine Praxishilfe, wie die eigenen vier Wände im Alter nicht zur Last werden. Die frühere Wirtschaftsredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die auch einige Jahre bei einem Immobilien-Unternehmen gearbeitet hat, zeigt in ihrem Buch nicht nur mögliche Stolpersteine im Umgang mit dem eigenen Immobilienbesitz auf, sondern gibt auch Anregungen, wie sich diese vermeiden lassen.