Neues aus dem Augustinum

Schauplatz Bibliothek

1. August 2009,
Bibliotheken-Betreutes-Wohnen-Augustinum

Bibliotheken gehören zum Augustinum wie das Restaurant, der Theatersaal, die Kapelle, der Laden, Kegelbahn und Schwimmbad. Sie sind so selbstverständlich, dass sie nirgends eigens erwähnt werden. Umso bemerkenswerter ist der Eintrag in der Unternehmenschronik von 1979: Da werden acht ehrenamtliche Bibliothekarinnen in Stuttgart-Sillenbuch aufgezählt, die unmittelbar nach der Eröffnung des Hauses aus den aussortierten Büchern der Bewohnerinnen und Bewohner die Stiftsbibliothek aufbauten. Gewissenhaft wurden die vorhandenen Bücher sortiert, katalogisiert, gestempelt, eingebunden, signiert und schließlich mit Leihkarten ausgestattet, auf denen die Namen der Leserschaft vermerkt wurden. Damals herrschten im Augustinum ähnlich strenge Sitten wie außerhalb: Knappe Öffnungszeiten und sogar Leihgebühren wurden klaglos akzeptiert.

Rund um die Uhr geöffnet

Die Zeiten haben sich geändert. In den allermeisten Wohnstiften hat die Bibliothek längst rund um die Uhr geöffnet und kann wie ein Teil des eigenen Appartements zu jeder Tages- und Nachtzeit benutzt werden. Das Team der Helferinnen und Helfer gibt es aber weiterhin. Sie haben eher mehr zu tun als vorher, denn mit den großzügigen Öffnungszeiten stiegen überall die Benutzerzahlen deutlich an. Mölln ist das jüngste Beispiel. Im März 2009 wurden neue Räume bezogen und hell und gemütlich eingerichtet. Der Beirat hatte sich vorsorglich bei anderen Wohnstiften umgesehen. Bei der Gelegenheit wollte man auch wissen, wie das mit dem Bücherschwund ist, wenn alle mitnehmen dürfen, was Ihnen gefällt. Aber siehe da, nirgendwo werden Bücher vermisst. Im Gegenteil: Im Rückgabekorb finden sich häufig ganz überraschende Neuzugänge!

Alles ist systematisch geordnet

Augustinumweit gilt in den offenen Bibliotheken die Regel: Wer kommt, darf schmökern und mitnehmen, was gefällt. Der Rücklauf wird in einem Korb gesammelt und von den Damen und Herren aus dem Bibliotheksteam an den ursprünglichen Platz zurückgestellt. Denn natürlich gibt es weiterhin Signaturen und eine Systematik. Das Augustinum Essen beispielsweise unterscheidet zwischen Nachschlagewerken, Großdruck, Humor, Gedichten, Märchen und Sagen, Lieder, Religionen, Ethik, Kriminalromanen, Romanen, Gesamtwerken, Erzählungen, Biographien & Memoiren, Geschichte, Politik und Naturwissenschaften. Man beachte, dass die Krimis im Anschluss an die Ethik untergebracht sind! Apropos Krimis: Für die am schnellsten wachsende Gruppe musste schon mancherorts ganz neu sortiert und aufgestellt werden. Giftschränke gibt es nicht, auch wenn im Scherz einzelne Bücher schon mal eine Altersbeschränkung bekommen. Die lautet dann in Umkehrung der Verhältnisse: „Höchstens bis 90“!

Lebendiger Austausch rund ums Buch

Mit dem Rückstellen von ausgeliehenen Büchern geben sich die „Stiftsbibliothekarinnen“ längst nicht zufrieden. Wöchentliche Beratungen sind obligatorisch, in Stuttgart werden monatlich jeweils drei Neuerwerbungen ausführlich vorgestellt, in Dortmund lädt die Kulturreferentin regelmäßig zu einem Austausch über die jüngsten Lesefrüchte ein, in München-Neufriedenheim und in Bonn gibt es im Kulturkalender die Rubrik „Buch des Monats“, in Essen einen Büchertisch zum jeweiligen Schwerpunkt des Kultur Jahresthemas und so weiter und so fort. Freiburg pflegt seit Jahren eine besondere Tradition: In Anlehnung an die benediktinische Regel, die Fastenzeit für das Lesen zu nutzen, gehört der Donnerstag nach dem Aschermittwoch der Bibliothek. Dort traf man sich im ersten Jahr, um sich über seine Lieblingsbücher auszutauschen, im Jahr darauf kamen alle Bewohnerinnen zu Wort, die berufsmäßig mit Büchern zu tun hatten, also Buchhändlerinnen, Übersetzerinnen, Bibliothekarinnen; in dieser Reihe stellten sich mittlerweile auch schon kleine Verlage aus der Region, die Stadtbücherei und der Verein der Sehbehinderten vor, und sogar eine Schreibwerkstatt fand dort schon statt.

Dubletten werden für einen guten Zweck verkauft

Das ist noch nicht alles: Damit neue Bücher angeschafft werden können, muss erstens Platz gemacht werden und zweitens Geld da sein. Der Bücher-Flohmarkt löst beide Probleme. Dubletten und Ladenhüter werden vom Bibliotheksteam deshalb regelmäßig aussortiert und ein- bis dreimal im Jahr verkauft. Der Löwenanteil wird gespendet, ein Teil des Erlöses fließt aber zurück in die Bibliothek für Bücher in Großdruck, für Hörbücher und für aktuelle Neuerscheinungen. Die werden mit Abstand am meisten nachgefragt, oft sogar aus dem Rückgabekorb herausgefischt und gleich wieder mitgenommen. Damit Neuerwerbungen nicht an den Interessen der Leserschaft vorbei gehen, ermitteln die Freiburger elektronisch, aus welchen Themenbereichen die meisten Titel geliehen werden. Buchgeschenke wiederum lassen die Heidelberger von Stammlesern testen. Das verschafft dem Team Luft für die Beratungen, verstärkt nebenbei Beziehungen und animiert zu neuen Initiativen.

Mobiler Bibliotheks-Service

Durch die großzügigen Öffnungszeiten sind die Bibliotheken deutlich aufgewertet worden; es kommen messbar mehr Bewohnerinnen und Bewohner, um auszuleihen aber auch um in Büchern und an den Lesegeräten zu schmökern oder um Hörbücher zu hören. Ohrensessel laden ein, zu verweilen. So ist die gute alte Ausleih-Bibliothek mittlerweile zu einem Ort der Begegnung geworden – auch zu Zeiten, wo scheinbar alles schläft. Und noch eine Aufgabe hat das Team der Bibliothekarinnen übernommen: die mobile Versorgung mit Lesefutter. Wer nicht mehr in die Bibliothek kommen kann, ruft an und bestellt telefonisch.