Menschen im Augustinum

Fernsehgeschichte(n): Dieter Ertel holte Loriot ins Fernsehen

18. Dezember 2012,

Dieter Ertel, Bewohner im Augustinum Stuttgart-Sillenbuch, war 40 Jahre im und für das Fernsehen tätig. Er brachte Loriot auf den Bildschirm und prägte die Entwicklung der Fernsehgeschichte.

Dieter Ertel, der seit zehn Jahren im Augustinum Stuttgart-Sillenbuch zu Hause ist, hat rund vier Jahrzehnte Fernsehgeschichte miterlebt und mitgeprägt. Ans Vorspiel erinnert er sich gut: Die 1949 in Hamburg gegründete Neue Deutsche Wochenschau, die erste Kino-Wochenschau nach dem Krieg, suchte über eine Zeitungsanzeige einen jungen Mitarbeiter. Ertel bewarb sich mit Erfolg, konnte zunächst für den Sportteil, später für die ganze Nummer die Texte schreiben.

Nach einem kurzen Gastspiel beim „Spiegel“ führte ihn sein Weg nach Stuttgart als Autor und Redakteur zum Süddeutschen Rundfunk. Seine dortigen Dokumentationen, für die er später den Berliner Kunstpreis bekam, unterschieden sich deutlich von denen der Wochenschau. „Die Storys für die Wochenschau sollten möglichst heiter sein. Die Linie des Süddeutschen Rundfunks führte dahin, Zeitkritik zu üben. Das ging vom Intendanten aus, und so bekam ich den Auftrag, die Reihe ‚Zeichen der Zeit’ zu leiten.“

Ebenfalls in die Zeit beim Süddeutschen Rundfunk fiel die von Dieter Ertel und dem damaligen Leiter der Dokumentarabteilung ins Leben gerufene Sendereihe „Cartoon“ über bekannte Karikaturisten. Für „Cartoon“ konnte Ertel den damals noch wenig bekannten Vicco von Bülow gewinnen – so kam Loriot ins Fernsehen. Sechs Jahre lief die neue Sendeform, dann beendeten sowohl Loriot als auch Dieter Ertel ihre Tätigkeit in Stuttgart.

Ertel ging als Fernsehdirektor zu Radio Bremen, und Loriot entschied sich mitzukommen. Er tat es mit der Erklärung: „Wenn mich ein Bremer fragen würde, wer das denn sein, dieser Dieter Ertel, und ich müsste mich kurz fassen, dann würde ich sagen: ein Glücksfall.“ Viele Jahre war Ertel bei der ARD als Koordinator für die Unterhaltung zuständig, am Ende seiner Laufbahn Fernsehdirektor des Südwestfunks in Baden-Baden.

Im Ruhestand hat er sich weiter mit Genre seiner Anfänge, den Dokumentationen beschäftigt, unter anderem als Vorsitzender im „Haus des Dokumentarfilms“ in Stuttgart. Im Augustinum hat er beispielsweise Dokumentationen über große Dirigenten wie Ferenc Fricsay und Carlos Kleiber im Theatersaal vorgestellt, bedacht mit dem Beifall des Publikums.

Wie aber hätte Ertels Freund Loriot reagiert? Als Ertel Fernsehdirektor bei Radio Bremen werden sollte, schrieb der große Humorist: „Unter einem Fernseh-Direktor stellt man sich möglicherweise einen Manager vor, dessen Geschmack sich an einer zweifelhaften Zuschauermehrheit orientiert, der Experimente scheut, Untergebene verunsichert, in alles hineinredet, selbst wenig davon versteht, kurz, eine Person mit starkem Störeffekt.

Falls diese Eigenschaften in der Tat die Voraussetzungen bilden sollten zur Platznahme auf dem Stuhl des Fernsehdirektors, ist Dieter Ertel die falsche Besetzung. Ich habe mit ihm beim Süddeutschen Rundfunk sechs Cartoon-Jahre zusammengearbeitet. Das bedeutet sechs Jahre sicheres Urteil und guter Rat, sechs Jahre Erfolg und Wohlbefinden.“